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GEDANKEN ZUR RECHTFERTIGUNG |
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Gedanken zur Rechtfertigung
Heinz Zahrnt, Dr. theol., bekannter theologischer Schriftstellern, war 25 Jahre lang theologischer Chefredakteur des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Mitglied des PEN-Clubs und seit 1960 im Präsidium des deutschen Evangelischen Kirchentages.
Hier Textauszüge aus den Publikationen: Warum ich glaube und Mutmaßungen über Gott. Gedanken zur Rechtfertigungslehre
Das Neue Testament bietet für den Tod Jesu eine ganze Menge verschiedener, teils sich mischender, teils sich widersprechender, Deutungen. Es ist, als fasste die Welt nicht genug Bilder und Begriffe, um diesen einen Tod zu sichten und zu deuten. Und so hat die junge Christenheit ringsher aus ihrer Umwelt – aus dem kultischen, sozialen, juristischen, ökonomischen, politischen, militärischen und privaten Bereich – zahlreiche Kategorien entliehen und den Tod Jesu entsprechen als Sühneopfer, Passahopfer, Stellvertretung, Genugtuung, Versöhnung, Sieg, Friedensschluß, Loskauf, Befreiung und so weiter gedeutet. Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich von allen Konzeptionen die Satisfaktionstheorie am stärksten durchgesetzt und ist zur normativen Erlösungslehre der abendländischen Christenheit in allen Konfessionen geworden: Die übergroße Schuld des Menschen gegen Gott verlangt eine Genugtuung, eine Satisfaktion, die der Mensch niemals zu leisten vermag. Um seiner Liebe willen ist Gott die Bestrafung seines Geschöpfes unmöglich, um seiner Gerechtigkeit willen aber kann er auf die Genugtuung nicht einfach verzichten. Darum ist die Menschwerdung Gottes logisch notwendig. Der Gottmensch leistet die Genugtuung für die Schuld des Menschen durch die Hingabe seines Lebens, und Gott rechnet, weil er gerecht ist, dieses Verdienst des Gottmenschen den Menschen an. So oder ähnlich denken heute noch viele Christen über den Tod Jesu – und Nichtchristen halten ihnen dies als grotesk, magisch und gotteslästerlich vor. Die Kritik geschieht zu Recht. Zur Zeit ihres Entwurfs im 11. Jahrhundert war Anselms juridisch gedachte Satisfaktionstheorie modern, ja progressiv; heute aber bietet sie schon längst keine überzeugende, weder religiös zureichende noch intellektuell zumutbare Deutung des Todes Jesu mehr. Aber auch die meisten im Neuen Testament verwendeten Bilder und Begriffe sind heute nicht mehr einfach zu wiederholen, und zwar nicht nur, weil sie intellektuell nicht mehr zumutbar sind, sondern weil sie vor allem durch den Fortgang des Christentums selbst religiös überwunden worden sind. Dies gilt besonders für alle aus der Rechts- und Kultsphäre stammenden Denkkategorien. Sie sind im Grunde schon vorher durch Jesus selbst widerlegt worden: Wer alle Vermittlung zwischen Gott und Mensch allein auf die Liebe stellt, schließt damit von vornherein sowohl alle Rechtsmittel als auch alle kultische Vermittlung aus der Beziehung zwischen Gott und den Menschen aus. Zumal die bei vielen Christen immer noch beliebte Rede vom Blut Christi halte ich religiös und theologisch für gleichermaßen unerträglich. Daß bei der Kreuzigung Jesu Blut geflossen ist, hat keinerlei Bedeutung. Wäre Jesus heute hingerichtet worden, hätte man ihn gehängt, erschossen oder in die Gaskammer geschickt. Dabei wäre dann kein Blut geflossen. Auf das Blut kommt es beim Tode also nicht an. Das Blut ein ganz besonderer Saft sei, daß ihm sühnende oder versöhnende Kraft innewohne, ist ein ganz und gar heidnischer Gedanke, den sich kultische, militärische und studentische Männerbünde einstmals leisten mochten – christlicher Glaube aber kann das Blut so hoch unmöglich schätzen! Von allen im Neuen Testament auf den Tod Jesu angewandten Bildern und Begriffen scheint mir der Gedanke der Stellvertretung heute noch der plausibelste zu sein. Was Stellvertretung heißt, erfahren wir in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft jeden Tag. Ob eine Schwester Kranke pflegt, ein Lehrer Schüler unterrichtet, ein Anwalt einen Angeklagten vor Gericht vertritt, ein Pfarrer Kinder tauft, Straßenkehrer und Müllkutscher den Dreck wegschaffen – in jedem Fall tut ein anderer etwas für uns und stellt uns auf diese Weise davon frei: sein Tun kommt uns zugute. Stellvertretung ist ein Lebensgesetz des menschlichen Daseins überhaupt. Daß ein Menschenleben das andere nicht nur begrenzt und verdrängt, sondern auf für es eintreten und einstehen kann, davon ist eine Ahnung und Erfahrung unter den Menschen vorhanden.
Dies zeigt, daß die Vorstellung vom Tode Jesu als einem stellvertretenden Handeln nicht eine weltfremde Wirklichkeit beschwört, sondern an etwas anknüpft, was in unserer eigenen Welt- und Lebenswirklichkeit als Frage und Möglichkeit angelegt ist. Darum ist sie für uns heute noch plausibel. Die Stellvertretung Jesu darf aber nicht nur einseitig auf sein Sterben am Kreuz bezogen sein, sondern muß sein gesamtes Wirken, sein Verkündigen so gut wie sein Verhalten, umgreifen. Über Jesu ganzem Leben, nicht nur über seinem Leiden und Sterben, sondern auch über seinem Glauben und Lehren, über seiner Gottesbeziehung so gut wie über seiner Mitmenschlichkeit, steht das ‚Für euch’. Seine Existenz insgesamt ist Pro-Existenz. Hier riecht es weder nach Blut, noch geht es irgendwie magisch zu, sondern irdisch, menschlich und geschichtlich. In Jesu Sterben am Kreuz wird vollends ersichtlich, was sein Leben ausgemacht hat: Jesus hat die Liebe Gottes unter den Bedingungen der Existenz in der Welt geglaubt und gelebt. Daher lässt sich sein ganzes Leben in dem Wort ‚Hingabe’ zusammenfassen: Er hat sein Leben für Gott an die Menschen hingegeben. Das schließt den Tod ein. Denn die Hingabe des Lebens nennt man Tod. Wie Jesus gelebt hat, so ist er gestorben, und er ist so gestorben, wie er gelebt hat: das einigende Band zwischen beiden bildet die Liebe. Diese Einheit des Lebens und Sterbens Jesu hebt der vierte Evangelist bezeichnenderweise gerade an der Stelle hervor, an der in seinem Evangelium sozusagen das Leben und Wirken Jesu endet und sein Leiden und Sterben beginnt. Genau an diesem Übergang gibt er so etwas wie eine Kurzbiographie Jesu. Sie lautet: Wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende. (Joh. 13,16) Das Ende aber ist der Tod. Also kann man auch sagen: Jesus von Nazareth hat sich zu Tode geliebt. Am Kreuz Jesu auf Golgatha und nicht in der Krippe von Bethlehem erschließt sich mir Gottes Wesen am tiefsten. Das Grunddatum allen Christentums lautet für mich nicht: Gott ist Mensch geworden, sondern: Gott leidet mit den Menschen mit.
Jesu offene Einladung aller Menschen zu Gott bildet den einfachen geschichtlichen Grund der späteren komplizierten Rechtfertigungslehre in allen ihren Entfaltungen und Verzweigungen . von Paulus über Augustin und Luther bis in die Gegenwart. Auch wenn der Apostel Paulus das Evangelium Jesu den Heiden in der Vorstellungs- und Gedankenwelt des hellenistischen Erlösungsmythos dargeboten und Jesu irdisches Geschick zu einem weltumspannenden Heilsdrama ausgeweitet hat, so hat er Jesus doch, obwohl er ihn wahrscheinlich nie gehört hat, von allen Aposteln am besten, vielleicht als einziger überhaupt wirklich verstanden. Der Mensch muß nur bejahen, daß er von Gott bejaht ist. Wenn Jesus, auf Grund seiner eigenen innigen Verbundenheit, Gott ‚Vater’ nennt oder wenn er in der Hoffungssprache seiner Zeit das Kommen des Reiches Gottes ankündigt, dann meinen beide religiösen Symbole die Bejahung des Menschen durch Gott, die durch keine Tat und Leistung zu erringen, aber auch durch keine Schuld oder Angst zu entkräften ist.
Zugleich mit dem Fortschreiten von Historie zur Religion ist mir auch die trinitarische Theologie nähergerückt – aber nicht als theologisches Lehrgebäude, sondern als ein spannendes gott-menschliches Drama. Ich halte das trinitarische Dogma für eine großartige geistliche Dichtung des Glaubens, eine geistvolle Schöpfung menschlicher Weisheit, von der es in der Bibel immerhin heißt, daß sie vor Gott auf dem Erdkreis spiele. Der legitime Ort des trinitarischen Heilsdramas ist der Kultus im weitesten Sinn des Wortes. Ein Drama darf man feiern, aufführen, tanzen, malen, in Töne setzen, in Stein meißeln, in Sitte und Brauchtum verwandeln, auch darüber meditieren und spekulieren – nur eines darf man nicht: Man darf es nicht zum Dogma machen und daran dann den Glauben eines Menschen messen.
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