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JESUS, DER MENSCH, DER SICH IRRTE |
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Jesus, der Mensch, der sich irrte (Seite 255 bis 270)
Einer der Widersprüche in der Lehre Jesu betrifft, wie wir sahen, das Ende der Zeit. Bei Markus ist das Himmelreich Gottes Geheimnis; es wird ohne Vorwarnung hereinbrechen. Nicht einmal die Engel im Himmel wissen, wann der Menschensohn vom Himmel kommen wird. Es ist nur vernünftig, genau aufzupassen, jeden Tag und jede Nacht. Bei Lukas sagt Jesus, daß weise Menschen fähig sein werden, die Zeichen der Zeit zu lesen, wie ein Bauer die Zeichen der Jahreszeiten am Himmel, an den Wolken, am keimenden Land abliest. Wir werden später versuchen, diesen Widerspruch zu erklären.
Eine apokalyptische Vision
Als Jesus gegen Ende seines Lebens auf dem Ölberg oberhalb des Tempels sitzt, fragen ihn seine Jünger nach einem Zeichen für das Ende. Er antwortet mit einer langen Litanei von Katastrophen: Kriege, Erdbeben und Hungersnöte, Verfolgungen, falsche Christusse und falsche Propheten, die Sonne verfinstert sich, der Mond verweigert sein Licht, Sterne fallen wie Äpfel vom Baum. »Und dann wird man den Menschensohn in den Wolken des Himmels kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit« (Mk. 13,26). Gott wird seine Engel senden, um die Auserwählten von den vier Winden her, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels zu sammeln. So majestätisch und schrecklich das auch ist - Jesus beziehungsweise der Evangelist verwendet hier gängige apokalyptische Begriffe des Judentums, die besonders im Buch Daniel zu finden sind.
Vielleicht hat Jesus diese bildhafte Sprache wörtlich gemeint, wahrscheinlich aber nicht. Sie ist Poesie. Sie gibt keine genauen Informationen darüber, was wirklich geschehen wird, obwohl Leute, die von solcher Literatur fasziniert sind, weiterhin spezifische Zeiten und Weltereignisse in solchen »Voraussagen« sehen.
Der große Irrtum Jesu
Daß Jesus die vage Sprache der Apokalypse verwendet, kann die Tatsache verdunkeln, daß er eines tatsächlich mit Gewißheit ankündigte. Und es geschah nicht. Bei Markus sagt er: »Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht kosten werden, bis sie das Reich Gottes in Kraft gekommen sehen« (9,1). Am Ende der Rede in Markus 13 sagt er: »Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen sein wird. Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen« (13.30 f.). Bei Matthäus sagt er: »Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht kosten werden, bis sie den Menschensohn mit seinem Reiche kommen sehen« (16,28). Nichts könnte klarer sein. Die gegenwärtige Generation war die letzte auf der Erde. Sie war vergleichbar mit der Generation des Noah, die von der Flut ausgelöscht wurde (Mt. 24,39), oder mit Lots Generation, als Sodom und Gomorrha vernichtet wurden (Lk. 17,29). Die Bilder, die Jesus verwendet, sind plötzlich und gewaltsam. Zwei Frauen, die Korn mahlen, zwei Männer in einem Bett - einer wird entrückt, der andere bleibt zurück. Der Tag des Herrn werde kommen wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Vogel, der plötzlich in ein Netz fliegt. Seid bereit für den Bräutigam, der bald kommen wird, sagt Jesus, oder ihr lauft Gefahr, vor verschlossener Tür zu stehen. Regelt alle eure Angelegenheiten, solange noch Zeit ist. Die Schriftrollen vom Toten Meer offenbaren, daß Qumrans Lehrer der Gerechtigkeit eine enge Sekte von etwa 4000 Personen anführte. Sie hielt sich für das wahre Israel. Sie verachtete die Ehe und hatte eine gemeinsame Kasse. Der Lehrer verkündete, das Ende der Zeit sei gekommen, und er sei der endgültige Ausleger heiliger Schriften. Im ersten Jahrhundert empfand ganz Palästina diesen eschatologischen Eifer. Jesus, ein Jude seiner Zeit, war keine Ausnahme. Wie der Lehrer der Gerechtigkeit war er gekommen, um das wahre Israel zu sammeln. Er glaubte leidenschaftlich an eine Verwandlung des Kosmos, eine Art jenseitige Weltordnung, eine Erde, die durch eine Wundertat Gottes vollkommen neu gemacht würde, eine neue Schöpfung, die Rückkehr zum Urzustand der Vollkommenheit. Er glaubte auch an die Auferstehung, sprach aber kaum davon. Er betonte das Bevorstehen des Gottesreiches und der Gottesherrschaft über den Menschen. Deshalb sagte er immer wieder Wehe den Reichen, den Wohlgenährten, denen, die lachen, den Respektablen. Sie haben keine Ahnung von der Katastrophe, die auf sie zukommt. Sein Predigen und Heilen war das Vorspiel zum Gottesreich, doch er offenbarte nie, was er für seine Rolle im Endergebnis hielt. Er bezeichnete sich nie als Messias oder König und identifizierte sich nie mit einer Art übernatürlichem Menschensohn, der in den Wolken kommt. Seine Jünger taten all das nach der Auferstehung. Dennoch bezweifelten seine engsten Jünger nie, daß es der Traum Jesu war - sein einziger Wunsch, stärker als bei jedem Zionisten -, sein Volk zu reinigen und ganz Israel heimzubringen in sein eigenes Land. Die Auserwählten würden sich endlich wieder sammeln, ihre eigene Stadt und ihren eigenen Tempel haben. Wenn das Gottesreich kam - und Jesus schärfte ihnen in fast jedem Gleichnis ein, daß das bald sein würde -, würden sie auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Die Geschichte endete nicht. Das Gottesreich kam nicht mit Macht vom Himmel; was kam, war die Kirche auf Erden. Qumran wurde im Sommer 68 von Vespasian geschleift; das Christentum aber überlebte.
Die Erwartung Jesu
Daß Jesus das Ende der Zeit erwartete, wird heute von den meisten Neutestamentlern bejaht. In Eschatology and Ethics in the Teaching of Jesus (Eschatologie und Ethik in der Lehre Jesu) schreibt Amos Niven Wilder: »Laut Schweitzer kündigte Jesus das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht und die Erneuerung der Welt an. Dies ließ einer weiterbestehenden historischen Ordnung keinen Raum.... Heute gibt es nur wenige unter den Kritikern des Neuen Testaments, die in diesem wichtigen Punkt nicht mit Schweitzer übereinstimmen. Fast alle finden, daß eine Flut von Licht auf ihn, seine Lehre und die frühe Kirche fällt, wenn man erkennt, daß er das Ende der Zeit und das letzte Wort Gottes zur menschlichen Geschichte erwartete.« Jeremias schreibt in Neutestamentliche Theologie: »Wir haben kein Wort Jesu, das das Ende in weite Ferne hinausschöbe, das ist unser Ergebnis. Vielmehr stößt man, wenn man die Synoptiker analysiert, immer wieder auf eine älteste Schicht, in der die eschatologische Notzeit und die ihr folgende Offenbarung der Basileia in naher Zeit erwartet werden.« Jeremias weiß, daß dies eine sehr ernste Frage aufwirft. »Müssen wir nicht zugeben, daß die Naherwartung des Endes eine unerfüllt gebliebene Erwartung Jesu gewesen ist? Redlichkeit und Pflicht zur Wahrhaftigkeit zwingen uns zu der Antwort: Ja, Jesus hat das Ende in Bälde erwartet.« Nichts, was Jeremias dem hinzufügen kann, eliminiert ein Grundproblem für die Christen. Jesus hatte nie die Absicht, auf der Erde etwas wie die Organisation zu gründen, die wir jetzt Kirche nennen. Er hatte nie die Absicht, überhaupt etwas zu gründen. Seine Aufgabe war es, abzuschließen, nicht zu beginnen. Kirchenmänner, die behaupten, ihre Autorität leite sich direkt vom ausdrücklichen Willen Jesu ab, sind deshalb so sehr im Irrtum, wie es nur möglich ist. Sanders stimmt dem zu. Er schreibt in Jesus and Judaism : »Ich nehme nicht an, daß Jesus eine wirkliche Sekte gründen wollte, komplett mit eigener Auslegung des Bundes und des Gesetzes.« Nichts hätte einer so gegen die Mächtigen eingestellten Figur so ferne sein können wie der Aufbau einer institutionellen Kirche. Vermes schreibt in Jesus and the World of Judaism (Jesus und die Welt des Judentums), Jesus habe das unmittelbare Kommen des Gottesreiches erwartet. »Wenn ... sein Denken so funktionierte, müssen wir akzeptieren, daß ein Mann, der unter dem enormen Druck eschatologischer Begeisterung lebt, notwendigerweise alle körperlichen und geistigen Energien auf die direkt vor ihm liegende Aufgabe konzentriert; er wird keine Zeit haben, die Zukunft zu planen.« Solche Zitate könnten in Mengen angeführt werden. Die Evangelien verraten Verlegenheit über das Ausbleiben der Katastrophe. Die Zeit war vergangen, die ganze Generation Jesu stand am Rand des Grabes. Die Christen deuteten die Krisengleichnisse um, als wären sie eine bloße Mahnung, bereit zu sein, wann immer das Gottesreich käme. Doch so sehr die Kirche auch versuchte und noch versucht, die Prophezeiung Jesu zu spiritualisieren - die Wahrheit ist, daß er etwas Konkretes erwartete: das Ende unserer Welt. Dies ist das Element in seinem Denken, das ihn uns und unserer Zeit fremd macht. Wir haben unsere bevorzugten Jesusworte. »Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« Selten, wenn überhaupt, denken wir an andere Aussprüche, deren Wildheit uns den Atem nimmt. Mit solchem Eifer predigte er das Gottesreich, das kurz davor sei, über die Welt hereinzubrechen, daß er seiner eigenen Generation Vorwürfe machte, weil sie den Täufer und ihn nicht annahm. Sein Extremismus ist schrill. Er prangert die Rechtsgelehrten an, sie führten die Menschen in die Irre. »Damit das Blut aller Propheten, das vergossen wurde seit Grundlegung der Welt, von diesem Geschlecht gefordert wird, vom Blute Abels an bis zum Blut des Zacharias, der zwischen Altar und Tempel umgebracht wurde. Ja, ich sage euch, es wird von diesem Geschlechte gefordert werden« (Lk. 11,50 f.). Welcher Prediger erinnert seine Gemeinde gern daran, wie Jesus die Städte um den See verfluchte, weil sie nicht auf seinen Ruf zur Buße hörten? Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind, längst schon hätten sie sich in Sack und Asche bekehrt. Aber ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als euch. Und du Kapharnaum: Wirst du wohl bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabfahren! Denn wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die in dir geschahen, es stünde noch bis auf den heutigen Tag. Aber ich sage euch: Dem Lande Sodom wird es erträglicher ergehen als dir am Tage des Gerichtes« (Mt. 11,21 ff.). Es lohnt sich, daran zu erinnern, daß Sodom nicht eben glimpflich davonkam. Zu vergessen, daß das Denken Jesu gänzlich eschatologisch war, so zu tun, als könnte er aus seiner Zeit herausgelöst und ohne Verlust in unsere eingesetzt werden, ist, um Schweitzers Bild zu gebrauchen, als reiße man eine Wasserpflanze mit der Wurzel aus und erwarte, daß sie blüht. Laut Schweitzer ist das historische Wissen um Persönlichkeit und Leben Jesu nicht hilfreich für die Religion, sondern vielleicht sogar schädlich. Jesus war zu sehr ein Mann seiner Zeit, um sauber in eine andere zu passen. Der Hauptgrund ist, daß er keinerlei Interesse am Weiterbestehen der Welt hatte, weil er nicht glaubte, daß sie weiterbestehen werde. Er plante keine Kirche, die der Welt dienen sollte, weil es keine Welt geben würde, der gedient werden könnte.
Die Zerstörung des Tempels
Ein Beweis dafür, daß Jesus das Ende bald erwartete, ist das, was gewöhnlich die »Tempelreinigung« genannt wird. Die Forschung hat ergeben, daß Jesus etwas weit Radikaleres tat. Er zerstörte ihn in einer prophetischen Handlung. Er prophezeite, nach der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, in der Gott den Tempel übernatürlich vernichten werde, werde er ihn für sein Volk wieder auferbauen. Sie würden von den Enden der Erde zu ihm strömen. Die Zerstreuung, die Diaspora, werde vorbei sein.
Das vierte Evangelium entstand dreißig oder mehr Jahre, nachdem die Römer, nicht Gott die Stadt und den Tempel mit ihr zerstört hatten. Johannes legte alles geistlich aus. Der zerstörte Tempel ist gleichzeitig der Tempel in Jerusalem und der Leib Christi. Nur der Leib Christi sollte von Gott wieder auferbaut werden. So geschah es in der Auferstehung. Von nun an, sagt Johannes, beten Christen Gott in dem einzigen heiligen Tempel an, den es gibt: im Leib Christi. Auch dies ist reich an Bedeutung. Dieser Leib ist auch die Eucharistie und die Kirche.
Dies ist Theologie, oder vielmehr eine neue Mythologie, und hat seinen eigenen Glanz. Doch es ist weit von dem entfernt, was Jesus meinte. Als frommer Jude verehrte er den Tempel als den einen Ort des Opfers, der von Gott vorgeschrieben war. Daß er die Tische der Geldwechsler umstieß, drückte symbolisch seinen Glauben aus, daß er zerstört werden würde, aber nicht für immer. Jesus war weit davon entfernt, zu prophezeien, was die Römer vierzig Jahre später tun würden, obwohl die Evangelisten, die nach der Zerstörung schrieben, ihn so interpretierten. Er prophezeite, was Gott tun würde, und zwar bald: den Tempel zerstören, indem er die alte Welt zerstörte. Dann würde Gott ihn wieder aufbauen und neu machen, wenn er die Welt neu machte, und der Tempel würde bleiben. Selbst der größte Träumer kann nicht übersehen haben, daß es nicht so kam, wie Jesus erwartet hatte. Sanders schließt nach der Analyse der relevanten Texte, »daß Jesus öffentlich die Zerstörung des Tempel voraussagte oder androhte, daß diese Aussage von seiner Erwartung des Eschaton [des Endes] bestimmt war, daß er wahrscheinlich auch erwartete, Gott werde vom Himmel einen neuen Tempel geben, und daß er eine Demonstration durchführte, die dieses Ereignis prophetisch symbolisierte.« Jesus erbte diese Idee von der Wiederherstellung Israels durch eine umwälzende Tat Gottes wahrscheinlich von seinem ersten Lehrer, dem Täufer. In seiner Zeit herrschte jedoch weithin das Gefühl, daß Gott bald etwas Entscheidendes, Übernatürliches tun werde, das alle Prophezeiungen Jesajas erfüllte. Der letzte Tag, die letzte Stunde waren nah.
Jesus erwartete das Gericht, das Ende der Geschichte und eine völlig neue Schöpfungsordnung. Deshalb erwählte er die Zwölf als Repräsentanten Israels, das nun nach der langen Diaspora wieder gesammelt werden würde. Er predigte, das Reich Gottes werde bald in seiner Fülle kommen. Es werde nicht durch politische oder militärische Mittel kommen. Das einzige Schwert, das er brachte, war das der Teilung: Es schnitt Familien auseinander, wenn einige ihrer Mitglieder das Reich annahmen und andere nicht. Sein Desinteresse an den Dingen dieser Welt lag an einer Leidenschaft für das Gottesreich. Es stand den Sanften und Demütigen offen. Selbst Sünder, die Ausgestoßenen der jüdischen Gesellschaft, würden vor den Frommen und Gesetzestreuen hineinkommen, weil sie auf ihn hörten und bei ihm waren; und er war derjenige, der das Kommen des Reiches bewirkte.
Deshalb die symbolische »Zerstörung« des Tempels, als er seinen entscheidenden Schritt in Jerusalem tat. Gott, nicht er, würde den Tempel bald wirklich zerstören - seine Steine wogen achtzig Tonnen - und ihn auf übernatürliche Weise wieder auferbauen. Er würde der Ort der Anbetung für ein wiederhergestelltes und gereinigtes Israel sein, in dem er und die zwölf wichtige Funktionen haben würden. Manche, die zu seiner Zeit lebten, würden es noch sehen. Beim Abendmahl sagte er, er werde nicht wieder Wein trinken, bis er beim himmlischen Festmahl neuen Wein mit seinen Jüngern trinken werde. Er dachte nicht, daß er lange warten müßte. Vielleicht hoffte er sogar, daß das Königreich käme, bevor er starb. »Vater, wenn es möglich ist ...« Doch seine symbolische Zerstörung des Tempels, seine Lehre, daß das Gesetz zwar gut sei, aber nicht ausreiche, sein Zusammensein mit Ausgestoßenen und Sündern - all dies setzte ihn Angriffen der Mächtigen aus, insbesondere der Priester, die die Institutionen des Tempels leiteten und Zugang zum römischen Statthalter hatten. Doch er vertraute darauf, daß der Gott des Bundes Israel wiederherstellen werde. Sein prophetischer Angriff auf den Tempel verfehlte seine Wirkung auf die Hohenpriester nicht. Und Jesus seinerseits wußte, was dem Täufer geschehen war, als er in der Wüste das Kommen des Gottesreiches gepredigt hatte. Außerdem war Jesus durch das gewarnt, was dem Propheten Jeremia (Kapitel 26) widerfahren war, als er in Jerusalem selbst die Zerstörung des Tempels voraussagte. Die Priester sagten zu Jeremia: »Du mußt sterben! Warum hast du im Namen Jahwes geweissagt: »Wie Schilo wird dieses Haus werden, und diese Stadt wird verwüstet werden, so daß niemand mehr darin wohnt«?« Sie sagten: »Dieser Mann hat den Tod verdient.« Darauf antwortete Jeremia mit Worten, die der Evangelist sich für seine Passionserzählung entlieh: »Wenn ihr mich tötet, dann bringt ihr unschuldiges Blut über euch und über diese Stadt und deren gesamte Einwohnerschaft.« Die Oberen versuchten, die Priester zu überreden, Jeremia freizusprechen, und hatten Erfolg. In den Evangelien versucht Pilatus es und hat keinen Erfolg. , Wir haben gesehen, daß es sowohl den Priestern als auch Pilatus recht war, einen potentiellen Unruhestifter loszuwerden.
Seine ersten Jünger erwarten die Wiederkunft
Daß Jesus bald eine letzte Stunde, ein Ende erwartete, zeigt sich auch darin, daß seine Jünger nach der Kreuzigung überzeugt waren, er werde bald wiederkommen. Entweder war Jesus ein sehr schlechter Lehrer, oder sie verstanden ihn richtig und übernahmen seinen Zeitrahmen.
Seine ersten Jünger, eine Gruppe innerhalb des Judentums, hatten nicht den geringsten Zweifel, daß einige von ihnen das Gottesreich würden kommen sehen. Die Tradition war so stark, daß die Evangelien sie nicht verbergen konnten, als sie vierzig bis sechzig Jahre nach der Kreuzigung geschrieben wurden, obwohl Jesus nicht gekommen war und sogar die zwölf tot waren. Der Widerspruch zwischen Markus und Lukas am Anfang dieses Kapitels kommt von ihrem Bemühen, mit dieser peinlichen Tatsache zurechtzukommen: Was Jesus verheißen hatte, war nicht eingetreten. Markus gab wahrheitsgemäß wieder, daß Jesus gesagt hatte, das Ende werde ohne Zeichen kommen. Lukas, der Biograph der Kirche, will einen Weg finden, die Christen wachsam zu halten. Sein Kunstgriff ist, so zu tun, als hätte Jesus ihnen gesagt, nach bestimmten Zeichen Ausschau zu halten, wie ein Bauer Land und Himmel nach Zeichen für die Jahreszeiten beobachtet. Viele Jahre nach Golgotha erwarteten die ersten Jünger Christi noch eine übernatürliche, göttliche Einsetzung des neuen Zeitalters ohne Waffen. Deshalb waren sie keine Gefahr für die römischen Besatzer. Es würde kein Reich von dieser Welt sein. Jesus würde als der Christus, der Messias, König oder göttlicher Vizekönig den Vorsitz führen. Er hatte nicht klargemacht, was seine eigene Funktion sein werde, und so griffen die Christen auf Bilder aus der Bibel zurück. Der Messias war in der jüdischen Tradition ein Mann wie David. Jesus war deshalb der Sohn Davids. Seine ersten Jünger identifizierten ihn außerdem mit Daniels Menschensohn, einer mythischen, präexistenten Gestalt, die vom Himmel kommen würde, um der Welt Gottes Heil zu bringen. Es würde eine erkennbare Ordnung geben; die zwölf würden eine Sonderfunktion einnehmen. Herzstück dieser neuen Ordnung war ein gereinigter Tempel, von Gott zur vollkommenen Anbetung erbaut. Was wäre Israel ohne heilige Stadt und Tempel?
Dies erklärt, warum die zwölf nach der Erscheinung des Auferstandenen eilig Galiläa verließen und nach Jerusalem gingen, wo das Ganze stattfinden sollte. Darum, sagt die Apostelgeschichte, fragten sie Jesus kurz vor der Himmelfahrt: »Herr, wirst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder aufrichten?« Darum ersetzten sie Judas durch Matthias, um sicherzugehen, daß die zwölf vollzählig und bereit waren. Von nun an sahen sie sich als Gemeinde (oder Kirche) der Letzten Tage, mit einem eschatologischen Mahl, der Eucharistie, das das Ende vorwegnahm. Natürlich beteten sie auch weiterhin im Tempel wie Jesus es getan hatte, bis das neue Zeitalter anbrach. Nun, la Jesus zu Gott gegangen war, unterschied sich ihr Glaube nur dadurch von dem vorigen, daß all ihr Hoffen sich auf das sofortige Kommen des Messias-Menschensohnes richtete. Jesus war seinen Aposteln nach dem Tod in Licht erschienen; bald würde er allen in einer ganzen königlichen Macht erscheinen. Erst wenn er kam, würde er ganz der Messias sein.
Paulus über die Wiederkunft
Während diese Tradition sich entwickelte, brachte Paulus in en ersten Schriften des Neuen Testaments die allgemeine Überzeugung zum Ausdruck: Jesus wird kommen und alles während er Lebenszeit seiner Bekehrten vollenden. Er mahnte die Thessalonicher, während des Wartens nicht mit der Arbeit aufzuhören, sonst hätten sie nichts zu essen. Später mußte er seine Bekehrten trösten, weil einige ihrer Verwandten gestorben waren und das große Feuerwerk verpaßt hatten. Sie waren zutiefst betrübt, daß Jesus nicht gekommen war, bevor ihre Lieben aus diesem Leben geschieden waren. Paulus tröstete sie: Eure lieben Toten werden Bit dem Herrn wiederkommen, sie werden als erste auferstehen. Die Wiederkunft wird in der Luft sein - damit sie um dieses bißchen früher geschieht. Dann wird der Rest, der noch am .eben ist - und zu ihnen zählte Paulus auch sich selbst-, in einer großen, heilbringenden Welle in die Wolken emporgehoben werden, um dem Herrn zu begegnen. Habt Geduld, sagt er. Dies war der Rat des Habakuk: Es kann eine Zeit des Wartens eben (2,3). Ohnehin, lehrt Paulus, macht Leben oder Sterben einen Unterschied; Christus wird kommen, und zwar bald. Niemand, der an Christus glaubt, wird die große Wiederkunft verpassen. Die Welt bebt und stöhnt schon in Geburtswehen; eine neue Welt wird geboren.
Paulus war Adventist wie Jesus. Als die Jahre vergingen, mußte er natürlich wie die anderen immer wieder das Timing revidieren. In seinen Augen wurden die Nichtjuden immer wichtiger. Seine Aufgabe war es, ihnen die Frohe Botschaft zu predigen, denn ihre Bekehrung war ein weiteres Zeichen für das kommende Gottesreich: sie sollten die Früchte der künftigen Welt genießen wie wilde Zweige, die dem edlen Olivenbaum Israel aufgepfropft wurden. Im letzten Stadium des eschatologischen Dramas mußte sich die ganze Menschheit dem Gott Israels unterwerfen. Paulus setzte sich für eine Idee ein, die das Antlitz des Abendlandes veränderte: Nichtjuden mußten nicht erst Juden werden, bevor sie Christen wurden. Diese Idee schrieb er aus gutem Grund nicht Jesus zu. Jesus glaubte, die Zeit sei so kurz, daß er nie an Nichtjuden dachte, obwohl er die allgemeine Meinung geteilt haben muß, daß Heiden nach Jerusalem kommen und einen gewissen Anteil am neuen Zeitalter haben würden. Jesaja und Micha hatten prophezeit, alle Völker würden eines Tages zum Berg der Wohnstatt Gottes kommen. Doch natürlich wußte Jesus, daß sie nicht auserwählt waren; sie würden nur als Bürger zweiter Klasse kommen. Doch während Paulus mystisch davon sprach, daß Heiden Israel aufgepfropft würden, machte seine Betonung des Glaubens an Jesus Christus die Beschneidung und die Befolgung des Gesetzes implizit unnötig - fiir Nichtjuden wie für Juden. Jesu Bruder Jakobus, der Leiter der Gemeinde in Jerusalem, beharrte darauf, alle, die glaubten, daß Jesus der Messias sei, müßten beschnittene Mitglieder der jüdisch-messianischen Gemeinde sein. Er war dem Denken seines Bruders wahrscheinlich näher. Es ist ein weiterer Beweis dafür, daß es den Fortschritt behindert, die Ideen Jesu tot zu konservieren. Der Triumph des Paulus erklärt, warum für viele er, nicht Jesus, der Gründer der christlichen Kirche war. Er war es, der den Boden für eine Gemeinde bereitete, die später praktisch aus lauter Nichtjuden bestand, die alle getauft waren und von denen keiner das Gesetz befolgte. Er wurde eben deshalb von Juden verfolgt, weil er grundlegende jüdische Ideen des Auserwähltseins und der Identität bedrohte. Er wurde beschuldigt, antijüdisch zu sein. Dies war berechtigt. Er bereitete den Bruch mit dem Judentum vor - mit dem Gesetz, den Ritualen, dem Sabbath. Er ermöglichte es sogar, daß das Christentum sich später abspaltete und seinen eigenen Weg ging. Paulus war so erfolgreich in seiner Mission, daß wenige Christen heute irgendeine Verbindung zwischen Israel und der Kirche sehen, zwischen dem jüdischen Messianismus (obwohl Jesus der Christus oder Messias genannt wird) und dem Glauben in Jesus als den Sohn Gottes (oder die zweite Person der Dreifaltigkeit). So deutlich sagte Jesus, das Ende sei nah, daß die Christen meinten‚ er müsse vor dem Tod des letzten Apostels kommen. Daher die Ergänzung des vierten Evangeliums (21,20 ff.), um ihre Unruhe zu besänftigen. Der Autor schreibt mit seiner gewohnten Erfindungsabe, Jesus habe nicht gesagt, der Lieblingsjünger werde nicht sterben; nur daß er bleiben sollte, bis er ihn im Tod holte. Inzwischen war allerdings die ganze Frage der Eschatologie und der tolle Jesu in ihr von Johannes völlig umgestaltet worden. Für ihn war das Ende nicht in erster Linie etwas zu Erwartendes. Es war wesentlich schon gekommen im Tod Jesu, der seine Vollendung war, durch den er zum Christus geworden war, seine Auferstehung, seine Aufnahme in den Himmel zur Rechten Gottes und die pfingstliche Ausgießung des Geistes. Und wie wir sahen, war sein auferstandener Leib der Tempel, in dem nun alle Anbetung Gott dargeboten werden mußte.
Zusammenfassung
Wenn die chiliastischen Sekten etwas Amüsantes haben, dann weil ie sich aus Menschen zusammensetzen, die mit ihren Mitmenschen über Kreuz liegen. Sie behaupten, etwas werde bald geschehen, vielleicht an einem bestimmten Tag, und wenige ihrer Zeitgenossen nehmen es ernst. Zur Zeit Jesu nahm jeder Jude die Erwartung eines katastrophalen Endes ernst; die einzige Meinungsverschiedenheit betraf den Zeitpunkt. Zwar gab Jesus nie ein definitives Datum an, doch er glaubte, es werde sehr bald sein -und er irrte sich.
Seine ersten Jünger waren deshalb wie eine Gruppe, die den Weltuntergang erwartet - und enttäuscht wird. Am Anfang hatten sie die Kreuzigung nicht erwartet. Das war die schwarze Mitternachtsstunde, die ihnen klarmachte, daß ihre Hoffnungen zunichte geworden waren. Jesus war nicht einmal gesteinigt worden, wie es sich für einen Juden geziemt hätte, sondern an einem römischen Kreuz bloßgestellt und entehrt worden wie so viele andere Möchtegern-Messiasse. Das Gottesreich war nicht hereingebrochen; Jesus war einfach in Schande gestorben, verflucht an einem Baum. Sie hatten alles für ihn aufgegeben, und er hatte sich getäuscht und sie getäuscht. Die Spötter hatten recht. Sie gingen heim nach Galiläa, um die Fäden ihres alten Lebens wiederaufzunehmen. Nur Tage zuvor waren sie so dumm gewesen, zu hoffen, nachdem die zwölf Stämme Israels im Netz waren, würden sie in Herrlichkeit im Gottesreich sitzen und zusammen Mit Jesus die Welt richten. Jetzt waren sie zurück am See und fischten nach Fischen. In Galiläa - wann und wie genau, ist nicht bekannt - hatte Simon eine Erfahrung, die ihn den Namen Fels verdienen ließ. Vielleicht war er auf seinem Boot auf dem See, als Jesus erschien. Er war also nicht tot, sondern er lebte. Die Kreuzigung war nicht Schande, sondern irgendwie Verherrlichung. Es gab noch Hoffnung. Petrus erzählte es den anderen, und sie machten die gleiche Erfahrung. Neues Leben, neue Hoffnung. Eine neue Erwartung, daß er bald kommen und das Reich Israels wieder aufrichten würde. Die erste Anpassung war gemacht. Nach einer geringen Wartezeit würde er in Herrlichkeit kommen. Sie mußten sich noch vorbereiten, denn sein Kommen würde sein wie der Blitz. Sie eilten zurück nach Jerusalem. Ihr Glaube ließ sich leicht ausdrücken. Der gekreuzigte Jesus lebt. Er ist der Messias geworden, und er wird kommen.
In diesem Glauben gaben sie all ihre Habe den Armen. Sie versuchten, ihre jüdischen Glaubensbrüder zu überzeugen, daß Jesus trotz des Kreuzes der Messias war. Einige der Bekehrten gaben ihre Arbeit auf, um bereit zu sein. Die ersten Jünger Jesu glaubten, er werde bald kommen, und sie würden alle bei ihm sein, in einem erneuerten Israel, beim Festmahl. Die Zeit verging. Und verging. Das Warten wurde weniger intensiv. Die Paulusbriefe zeigen Abwandlungen des Zeitrahmens. Die Evangelien zeigen noch weitere. Jahre später vollzog Johannes die endgültige Abwandlung, indem er die Wiederkunft in seiner eigenen Weise mythologisierte. Der Christus ist hier; er ist seit der Kreuzigung hier. Ein Wiederkommen in der Zukunft ist nicht so wichtig. Jetzt ist das Gericht, jetzt Gottes Annahme oder Verdammung. Lange bevor das Christentum Reichsreligion wurde, hatte es mit seiner jüdischen Mutterreligion gebrochen und praktisch aufgehört, ein adventistischer Glaube zu sein. Die beunruhigenden Passagen bei Markus wurden durch die tröstliche Auslegung des Johannes neutralisiert. Zur Zeit der Bekehrung Konstantins war das Christentum bereits eine Organisation mit eigener Hierarchie und eigenem Kult. Die nahe Wiederkunft war peinlich für eine Organisation, die mittlerweile tief in der Gesellschaft verwurzelt war, die ihr Prestige durch Integration in das Imperium steigern wollte. Die Bewegung war eine Kirche geworden. Als Kirche war sie nicht nur an heute oder auch morgen interessiert, sondern am nächsten Jahrhundert oder Jahrtausend. Unter Konstantin wurde sie eine Funktion der Regierung. Mit der Zeit sollte sie Kaiserreiche nach ihren eigenen Bedingungen beherrschen.
Eines wird aus der Analyse der Evangelien klar: Jesus gründete nicht die Organisation Kirche; das taten seine Nachfolger. Da Jesus nicht wiedergekommen war, hatten sie keine andere Wahl, als das Gottesreich zur Kirche umzumodeln. Oft sollten sie eines mit dem anderen verwechseln - mit katastrophalen Folgen. Nun warten die Christen seit zweitausend Jahren vergeblich. Sie haben praktisch aufgegeben, was einst der Kern des Glaubens und der Orthodoxie war: das unmittelbar bevorstehende Kommen des Gottesreiches, die völlige Verwandlung dieser Welt. Christus kommt in der Eucharistie zu ihnen, im Gebet, im Alltag. Doch sie erwarten nicht mehr wie einst, daß er vom Himmel kommt. Wie Marshal McLuhan einmal in anderem Zusammenhang sagte: »Der Preis ewiger Wachsamkeit ist Gleichgültigkeit.« Heute sind alle Formen des Adventismus für die Kirchen verflucht. Wenn jemand sagte, Jesus kommt während unserer Lebenszeit zurück, würde man ihn wahrscheinlich einen Narren nennen. Es wird nicht bemerkt, daß der Narr einfach wiederholt, was Jesus gesagt hat. Käme Jesus inkognito zurück und kündigte an, der Christus werde in seiner Lebenszeit wiederkommen, so würde man auch ihn einen Verrückten nennen. Die ursprüngliche Predigt Jesu und die eingebaute Erwartung des Endes wurden geändert. Daran kann es keinen Zweifel geben. Die wirkliche Frage ist: Inwieweit verfälschte diese Änderung alles, für das Jesus stand? Wir können mit der Antwort beginnen, indem wir die Ethik Jesu untersuchen.
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