Sie sind hier: Prof. Klaus-Peter Jörns Die Leidensgeschichte der Menschheit verlangt Entw  
 PROF. KLAUS-PETER JÖRNS
Mehr Leben, bitte
Das Nebeneinander der vier Evangelien
Pfälzisches Pfarrerblatt Debatte
Warum musste Jesus sterben ?
Wenn das Alte nicht mehr trägt
Es geht um eine tragfähige Gottesbeziehung
Lebendiger Glaube ist wandelnder Glaube
Geist ist das 'Eigentliche des Wirklichen, ist Got
Die Verwerfung von Heiden und Juden in der Bibel
Die Leidensgeschichte der Menschheit verlangt Entw
Was Bibel und christlicher Glaube mit Wahrheit zu
Der Abschied Jesu und die Zukunft der Wahrheit
Rezension Notwendige Abschiede

DIE LEIDENSGESCHICHTE DER MENSCHHEIT VERLANGT ENTW
 


Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 179

Die Leidensgeschichte der Menschheit verlangt Entwürfe für den einen »Himmel«
und die eine Erde und nicht die Reproduktion alter Partialweiten

Ich teile die Ansicht nicht mehr, daß es die Aufgabe der neutestamentlichen Exegese sei, »die kanonisch gewordenen Schriften als diejenigen auszulegen, die für das Christentum in aller historischen Relativität Orientierung und bleibender Maßstab sind.« Richtig ist, den Kanon als eine entscheidende »Etappe innerhalb des historischen Prozesses der Herausbildung des Christentums« anzusehen. Aber richtig ist eben auch, die Herausbildung des Christentums als nur eine Gedächtnisspur in der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes zu begreifen. Daß die neutestamentlichen Schriften die Aufgabe hätten, für das Christentum aller Zeiten »Orientierung und bleibender Maßstab« zu sein, kann schon angesichts ihrer pluralistischen Verfassung nicht einleuchten. Das Neue Testament ist als reflektierte Wahrnehmung der Begegnung von Gott und Mensch zu verstehen, wie sie in der Jesus-Christus-Geschichte erzählt worden ist. Was wir von dieser Wahrnehmung und Reflexion heute noch lesen können, gibt uns einen Einblick in eine ungefähr Jahre dauernde mündliche und schriftliche Kommunikation des Evangeliums. Darin ist das Neue Testament eine unersetzbare Urkunde und Heilige Schrift. Wenn aber diese Dokumente als Maßstab für das Christentum generell angesehen werden sollen, heißt das, die Art, in der das Evangelium damals kommuniziert und reflektiert worden ist, selbst zum Evangelium zu machen. Sie wird dadurch nicht nur mit der Jesus-Christus-Geschichte selbst gleichgesetzt, sondern auch aus ihrem konkreten Ort in der Geschichte herausgenommen. Beides aber kann nicht länger die Aufgabe von Theologie sein. Die sehe ich eher darin, das Evangelium von seinen Kommunikationsformen zu unterscheiden und einen Entwurf zu riskieren, der ernst damit macht, daß Jesus Christus die Gottesvorstellungen der Vergangenheit als neuer Gott abgelöst hat. Als modellhaft dafür können wir die Zug um Zug vor sich gehende Ablösung des Evangeliums der unbedingten Liebe Gottes von nationalreligiösen und anderen ethnozentrischen Verengungen ansehen, die sich im christlichen Teil der Bibel erkennen läßt. Zu dieser Ablösung gehört vor allem die Absage an tödliche Gewalt als Mittel eines »Heilshandelns« Gottes. Die Evangelien zeigen, wie schwer es den Anhängern Jesu gefallen ist, die nationalreligiösen jüdischen Messias-Hoffnungen, die sie auf Jesus übertragen hatten, zu ändern - also umzuschreiben, penn sehr viele Juden hatten wohl, wie Judas, darauf gehofft, mit Jesus die römische Besatzungsmacht vertreiben zu können. Doch sie mußten bald erkennen, daß er nicht dieser nationale Befreier sein wollte. Sie mußten mit ansehen, wie er sich ohne jeden Widerstand gefangen nehmen und verhöhnen ließ, und waren von seinem gewaltlosen Auftreten bitter enttäuscht5". Ja, auch für Jesus selbst hat Gott im Schweigen zu seiner Hinrichtung am Kreuz ein anderes Gesicht als erwartet gezeigt (Mt 27,46): er hat sich von ihm verlassen gefühlt. Um so weniger konnten seine Jüngerinnen und Jünger Gott mit diesem Tod in Verbindung bringen; deshalb sind sie Karfreitag geflohen (Mt 26,56) oder haben Jesus verleugnet wie Petrus (Mt 26,69-75). Erst der Auferstandene hat die Verstörten und Versprengten wieder gesammelt, hinter den aus Angst verschlossenen Türen hervorgeholt (Joh 20,19-23). Von ihm lernen sie, die Gedächtnisspuren der Enttäuschung umzuschreiben, Gottes neues Gesicht wahrzunehmen: Er hat die Gewalt gegen Jesus nicht wieder mit Gewalt verhindert, weil er ihr selbst abgeschworen hat. Seine wirkliche Macht hat er nicht in der Gegengewalt, sondern in der Auferstehung Jesu gezeigt. Das ist in der Tat ein neuer Gott.
Ein theologischer Entwurf, der die Christologie in diesem Sinn konsequent weiterführt, sprengt die Grenzen des Kanons von innen, obwohl die Richtung in der Christologie des Johannesevangeliums bereits angelegt ist. Dieser Entwurf muß die Begegnung von Gott und Menschen, wie sie in der Jesus-Christus-Geschichte erzählt worden ist, aber auch im Horizont der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes erinnern, wie sie nur zusammen mit anderen Religionen zu finden ist. Dabei sollen die anderen Überlieferungen nicht christlich vereinnahmt werden, also nicht christologisierend ausgelegt werden wie bisher. Vielmehr geht es darum, die Geschichte ernst zu nehmen, durch deren Verlauf wir (überwiegend) christlich und andere anders Gläubige geworden sind. Wenn wir nun aber unsere eigenen mit fremden Überlieferungen zusammen auf uns beziehen wollen, müssen wir sie mit unserer Biographie in Verbindung bringen, mit unseren bisherigen Glaubenserfahrungen zusammen erinnern. Und die haben nun einmal mit der Jesus-Christus-Geschichte zu tun. Von ihr können wir nicht absehen, ohne unsererseits so zu tun, als könnten wir die Geschichte überspringen. Lassen wir es in dem neu in Gang gesetzten Erinnerungsprozeß dazu kommen, daß sich unsere Gedächtnisspur mit zumindest einer anderen verbindet, können wir davon ausgehen, daß sich beide gegenseitig auszulegen beginnen und durch beide hindurch ein »Gesicht« Gottes wahrnehmbar wird, das uns bisher verborgen geblieben ist.